Still Life
Geschrieben von tenochtitlan   
Wednesday, 7. February 2007

Zwei Jahre nach Erscheinen der ersten Version von Still Life steht seit 5. Januar 2007 das Grusel-Adventure als Special Edition, vertrieben von dtp/ANACONDA, in den Regalen. Neben dem (unveränderten) Hauptspiel enthält die Special Edition noch (teilweise exklusive) Wallpaper und Videos, ein Lösungsbuch im PDF-Format und die (laut Fan-Aussagen) sehr gute englische Original-Sprachausgabe.

Das Spiel startet mitten an einem Tatort. FBI-Agentin Victoria McPherson wird an den Tatort eines grausamen Mordes. Eine junge Prostituierte wurde auf nahezu bestialische Weise umgebracht, zuerst betäubt, mit Messerstichen schwer verletzt und ertränkt. Sie ist schon das fünfte Opfer in letzter Zeit, alle nach dem selben Muster. Wir müssen uns nun in klassischer Point&Click-Manier in der Rolle von Victoria auf Spurensuche am völlig versifften Tatort machen.

Hier fällt gleich der erste große Schwachpunkt des Spieles auf – die Interaktion mit der Umwelt: Statt wie bei anderen Adventures einen Gegenstand aus dem Inventar auszuwählen und dann auf eine Stelle in der Umgebung zu klicken, muss man bei Still Life erst mit der Figur in die Nähe des betreffenden Punktes in der Umgebung gehen, dann im Inventar den gewünschten Gegenstand auswählen und auf das „Verwenden“-Icon klicken. Und dadurch, dass Victoria nicht immer überallhin läuft, wird es auch nicht leichter... Das hätte man auch einfacher lösen können, ich bin da wohl aber auch ein Gewohnheitstier...

Die sonstige Interaktion mit der Umgebung ist aber gut umgesetzt und entspricht auch wieder gewohntem Komfort. Für Anfänger dürfte es aber nicht so leicht sein, gleich alles zu finden, manche Dinge sind einfach verdammt gut versteckt. So kommt man gleich am Anfang in die Situation, dass man ein erfordertes Beweisstück einfach nicht finden kann. Dieses besagte Haar ist so gut im Hintergrund versteckt, dass es eher Zufall ist, wenn sich der Mauszeiger beim zufälligen Berühren verändert. Man kann solchen Stellen aber zu Gute halten, dass sie die Ermittlungen realistischer werden lassen.

Nach den ersten Szenen im Spiel findet Victoria ein Tagebuch ihres Großvaters Gustav McPherson, ein Privatdetektiv, der im Jahre 1929 in Prag wegen einigen Mordfällen ermittelt, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Morden in der Gegenwart haben. Nun ermittelt man abwechselnd mit Victoria und ihrem Großvater. So muss sich Gustav McPherson mit einem Zuhälter und seinen Schlägern "herumschlagen" und stößt auch bei der Polizei nicht gerade auf größte Unterstützung. Und auch manche Nebensächlichkeiten wie das Kaffee-holen werden geschickt in die Handlung eingebaut und so wirkt die gesamte Geschichte echt.

Im weiteren Verlauf der Geschichte werden immer größere Ähnlichkeiten zwischen den Morden in Prag und Chicago klar. Der Spieler wird geschickt durch geniale Überblendungen und beiläufige Kommentare der Figuren zum Denken angeregt und schon im dritten Kapitel hat man seinen ersten "persönlichen" Tatverdächtigen. Das ist sehr cool gemacht und verspricht beste Krimiunterhaltung. Leider ist das Ende auf eine Fortsetzung angelegt, die wahrscheinlich so bald nicht erscheinen wird, denn Ubisoft schluckte das kanadische Entwicklungsstudio Microids schon 2005.

Die Hintergründe sind sehr detailliert gezeichnet und zeigen ein realistisches Bild von Tatorten und Städten. Die Grafik in Prag wurde mit Brauntönen auf alt getrimmt und durch den realistisch aussehenden Nebel wirkt alles sehr stimmig. Die Licht- und Schatteneffekte sind einfach nur schön, da kann man wirklich nichts sagen. Leider sind die Animation oft entweder unnatürlich oder abgehackt, das stört den grafischen Eindruck manchmal doch etwas. Die Ladezeiten sind auf einem normalen PC erfreulich kurz. Alle Inventar-Gegenstände können in 3D untersucht werden, was die Entwickler auch manchmal als Rätsel-Element nutzen, um z.B. eine Zahlenkombination auf der Rückseite eines Zettels zu lesen.

Die Grafiken und filmreifen Zwischensequenzen werden der Hauptgrund für die USK-Einstufung "Ab 16 Jahren" gewesen sein. Schonungslos, realistisch und blutig werden die Tathergänge und auch die Opfer grausam entstellt dem Spieler gezeigt. Durch Horror-Film-typische Schnitteffekte und der genialen orchestralen Sound-Untermalung werden die - leider viel zu kurzen - Filmsequenzen zum echten Thriller. Und auch Gustavs regelmäßig wiederkehrenden Visionen sind sehr beklemmend umgesetzt. Für Spieler mit schwachen Nerven ist das nicht zu empfehlen.

In den Dialogen kann man mit den Maustasten zwischen direktem Nachfragen und Smalltalk wählen, sieht aber erst nach dem Klicken, was man jetzt eigentlich fragt. Das stört etwas, man wird verleitet, sich durch die Gespräche "durchzuklicken". Dialog-Rätsel sind Still Life gänzlich fremd.

Die Sprachausgabe ist bei vielen Figuren eigentlich ganz gut, manche Sprecher wie die einiger Polizisten und meiner Meinung nach leider auch Gustav McPherson können am ehesten mit mittelmäßig beschrieben werden. Hier hätte man ruhig etwas investieren können, die Sprecher sind einer der wenigen Schwachpunkte in der sonst so genialen Atmosphäre. Einige Figuren sind nicht lippensynchron vertont und sehen so etwas lächerlich beim Sprechen aus. Manche Figuren bewegen ihre Lippen erst gar nicht...

Die Rätsel wechseln zwischen viel zu einfach und unnötig schwer: Fast sämtliche "klassische" Kombinations- und Logik-Rätsel sind selbst für Neulinge keine große Herausforderung. Doch da gibt es noch den einzigen wirklich großen Frustfaktor im Spiel: die "Minispielchen". Es mag Geschmackssache sein, ob man das Öffnen eines Safes mit lustigen verformten Zahlen mag oder nicht (für mich gehört das unter Logik-Rätsel und ist ok). Doch ob man die Motivation hat, das frustrierende System einer Truhe zu verstehen oder völlig sinnlos Plätzchen backen zu müssen (übrigens wohl eines der schwierigsten "Rätsel" des ganzen Spiels), wage ich zu bezweifeln. Es gibt noch einige Stellen mehr im Spiel, fast alle ziemlich frustfördernd. Diese Stellen stören (mich) eigentlich nur, weil sie kaum zum Spielgeschehen beitragen und ich mich zwingen musste, das Spiel nicht einfach wegzulegen und etwas Sinnvolles zu tun. Das hätte wirklich nicht sein müssen. (Zitat Gus McPherson: "Das will ich wirklich nicht nochmal machen.") In den Kapiteln der zweiten Hälfte wird das etwas besser, und es gibt sogar einige wirklich gute Logik-Rätsel. Doch lange Zeit pendelt das Spiel zwischen Langeweile und Frustration hin und her. Gottseidank entschädigt die Story für dieses ... naja, Rätsel-Desaster.


Auch gibt es eigentlich keine unterschiedlichen Lösungswege, man hat eigentlich kaum die Chance etwas anderes als das Richtige zu tun. Wenn es nicht weitergeht, geht man zum nächsten Ort, bis die Lösung auf irgendeine (meistens offensichtliche) Weise präsentiert wird. Selbst Prag mit seinen vielen Locations hat kaum Sucherei zu bieten. So klickt man den Charakter durch die Gegend und wartet bis die x-te Fahrstuhl-Animation vorbei ist. Man mag zwar sagen, dies sei einsteigerfreundlich, doch wenigstens ein bisschen Such-Feeling hätte schon sein können.

Bei Still Life wird wieder einmal deutlich, dass eine geniale Story und klasse Atmosphäre zwar sehr wichtig sind, ein gutes Spiel aber allein noch nicht ausmachen. Nervtötende Laufwege und Aufzugfahrten, mittelmäßige Sprecher, unnötige Minispielchen und viel zu einfache Rätsel zerstören viel von dem riesengroßen Potenzial, welches in Still Life steckt. Wer aber einen hervorragenden Thriller sucht, wird von Still Life begeistert sein. Ein mysteriöser Mörder, das ständige Wechseln zwischen Chicago und Prag und hervorragende Zwischensequenzen werden jeden Spieler mit guten Nerven begeistern.